rekkroaje
Anmerkung der Redaktion.
Der Begriff rekkroaje findet sich in der zur Verfügung stehenden Mundartlitereatur eher selten. Im "Wortschatz des unteren Niederrheins" von Schönberner wird wie folgt übersetzt. "...(sich) beraten, erraten..."
Dr.Ernst Heyen aus Xanten benutzte den Begriff bei der Übersetzung der bekannten Geschichte von Max und Moritz. Hier heißt es Auszugsweise:
"Wie dat so all ömmer woar,
so ok Porsse van det Joar
bakke dej den frommen Bäkker
Pläskes, Brezeln, Kuuk - ganz läkker.
Desse Kroam den düt wäll schmaake!
Wie es dat hier bloß te maake?
Max on Moritz dün rekkroaje,
weil den Bäkker tugeschloaje.
Bald fällt öhr ok all wat in:
Dörr den Schorsteen kann man rin!
Die betreffende Passage läßt in der Rückübersetzung nach u.A. beide Möglichkeiten zu, nämlich
Max und Moritz beraten (sich), was zu tun sei
oder
Max und Moritz fragen (sich), was zu tun sei
-------------------------------------------------------------------------------------------------
Ich bin in sofern nicht mit euch einverstanden, dass ich der Meinung bin dass man das Wort "sich" nicht beliebig weglassen kann. "Beraten" ist etwas Anderes wie "sich beraten", und "fragen" ist etwas Anderes wie "sich fragen".
Hans van den Bos
Kleve, 1.12.2006
-------------------------------------------------------------------------------------------------
Rheinisches Wörterbuch. Im Auftrag der Preußischen Akademie der Wissenschaften, der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde und des Provinzialverbandes der Rheinprovinz auf Grund der von Johannes Franck begonnenen, von allen Kreisen des Rheinischen Volkes unterstützten Sammlung bearbeitet und herausgegeben von Josef Müller, Heinrich Dittmaier, Rudolf Schützeichel und Mattias Zender. 9 Bände. Bonn/Berlin 1928-1971.
Rat- in der Zs. zu raten: — Rat-ärsch-chen rō·ə.nę:škə, roi- Erk, Kemp, Geld, Klev n.: scherzh. einer, der gut Rätsel löst, alles erraten will. RA.: Wenn Beckärsske (Pupärsske) dot es, söllt gej R. worde zu einem, der alles erraten will Geld, Klev. — Rat-bildchen rō·ə.nbeltχə Aach n.: Vexierbildchen. — Rat-reimchen -y:- MülhRh-Dünnwald n.: Rätsel. — rat-ricken rōirekə Klev schw.: beratschlagen. — Rat-stückchen -štøkəlχə, štøkskə Rip, Nfrk n.: Rätsel.
rick-raten = hin- u. herraten s. bei rick
rick I rek in der Verb. rekrōiə (s. S.) Klevld in Emmerich, Mörs-Rheinbg Neuk, Klev-Calcar Adv.: hin- u. herraten.
redaktion plattsatt
Kleve, 5.12.2006
-------------------------------------------------------------------------------------------------
Das Wort setzt sich zusammen aus “reichen” und “raten”. Es ist eine verstärkte Form des Rätselns, ein Zustand der Ungewissheit ohne konkrete Anhaltspunkte. Es lässt sich umschreiben als “ins Blaue hinein raten” (Englisch: “to do a wild guess”, Niederländisch: “er maar een slag naar slaan”).
In der Praxis hat es eine mehr neutrale Bedeutung. Im “Dialectwoordenboek van de Neder-Betuwe ‘Hoe zedde gij dâ?’” von Hannes van den Hatert & Arend Datema wird das verwandte “rikroaje” übersetzt als “sich fragen”. Auch in der Provinz Brabant (NL) ist “rikroaje” bekannt. Da übersetzt man “spekulieren”.
Auch der Moderator von “För Land en Lüj”, 2005 im Keekener Schützenhaus, benutzte das Wort in diesem Sinne. Er wollte rasch erzählen was auf dem Programm war, damit das Publikum nicht länger zu “rekkroje” brauchte.
Das Wort “rikroaje”/”rekkroje” ist offenbar allgemein Niederfränkisch.
Egon Schönberner interpretiert in seinem “Wortschatz des unteren Niederrheins” das Wort “rekkroaje” als: “(sich) beraten”, “erraten”. Diese Übersetzungen sind zumindest ungenau:“rekkroaje” hat nichts zu tun mit “Ratschläge geben / guten Rat reichen”.“sich beraten” ist auch nicht korrekt: wenn man sich berät versucht man aktiv eine Lösung zu finden, jenseits der Ungewissheit und des Rätselns.“erraten” trifft auch nicht zu: wenn man etwas errät hat man zufällig die richtige Lösung gefunden, auch hier ist man schon jenseits des Rätselns.
In der südniederländischen (niederfränkischen) Mundart gibt es eine strikte Trennung zwischen raten (rätseln) = “roaje”, und raten (Ratschläge geben) = “aonroaje”.
Meine Frage: gibt es in Niederrhein ebenfalls einen Unterschied zwischen “roaje/roje” und “aonroaje/anroje”, oder wird (unter hochdeutschem Einfluss) immer “roaje/roje” gesagt, auch wenn man jemanden einen guten Rat erteilt?
Wenn das Letzte der Fall ist, wäre damit eine Erklärung gegeben für das bei Schönberner offenbar lebende Missverständnis.
Kleve, den 11.12.2006
Hans van den Bos
-------------------------------------------------------------------------------------------------
Das niederrheinische “rekkroaje” bedeutet ausdrücklich nur “spekulieren”. Alle Mundartkenner die ich befragt habe, haben das bestätigt. Die Bedeutung “sich beraten” ist in Niederrhein und in den südlichen Niederlanden unbekannt.
Das ostniederländische “rikroadn” da gegenüber bedeutet nur “sich beraten”, die Bedeutung “spekulieren” ist in diesem Falle unbekannt. Siehe das digitale Dialektwörterbuch “Dialexicon Twents” (http://members.home.nl/dialexicon)
Der scheinbare Widerspruch kann wie folgt erklärt werden:
Das erste Element (“rekk-“, bzw. “rik-“) hat wahrscheinlich nicht mit “reichen” zu tun, sondern vielmehr mit “umgattern”: “Rekke”/”Rik” bedeutet “Gatter”, und “rekke”/”rikn” ist “umgattern”.
Wer sich mit “rekkroaje” beschäftigt, versucht von einem Zustand der völligen Ungewissheit heraus zu mehr Bestimmtheit zu geraten.
Somit kann die Bedeutung von “rekkroaje”/”rikroadn” sich in zweierlei Richtung entwickeln: “spekulieren” (Niederfränkisch) und “sich beraten” (Niedersächsisch).
Kleve, 09.01.2007
Hans van den Bos
Startseite