Deutsch verdrängt Platt

Einzug der Deutschen Sprache am Niederrhein
(Quelle: Heimatkalender für das Klever Land 1957 Autor Friedrich Gorissen)

Nach der Neugliederung der politischen Verhältnisse durch den Wiener Kongreß von 1815 - inzwischen hatten die Niederlande längst ihre politische Machtstellung verloren - wurde das Holländische vollends auf die dörflichen und kleinstädtischen Elementarschulen zurückgedrängt. Die alten preußischen Besitzungen am Niederrhein wurden zusammen mit den rheinischen Neuerwerbungen ohne große Rücksicht auf überkommene Formen nach modernem bürokratischem Verwaltungsschemaneu geordnet. Unter solchen Umständen mußte es den auf Gleichmäßigkeit der Verwaltungsvorgänge bedachten Fachministern geboten erscheinen. Die Reste geschichtlich gewordener Sprachautonomien in der preußischen Monarchie zu beseitigen. Nun waren die Elementarschulen der Amtsgewalt des Regierungspräsidenten entzogen und unterstanden, soweit sie katholisch waren, durchweg dem Aufsichtsrecht des Bischofes und zwar seit der Neuordnung der Sprengel im Jahre 1821 dem Bischof von Münster. Am 6. Dezember 1827 schreibt der Regierungspräsident dieserhalb an den Bischof Caspar Max Frh. Droste von Vischering:“Der Förderung des deutschen Unterrichts in den Elementarschulen der Kreise Geldern, Cleve und Rees stellt sich als ein bedeutendes Hindernis entgegen, daß man sich der in jener Gegend üblichen halbholländischen Mundart nicht nur in bürgerlichen Geschäften bedient, sondern daß von mehreren, besonders den älteren Geistlichen, der Religionsunterricht

in dieser Mundart erteilt wird und auch die Predigten in derselben gehalten werden. Hierdurch sind die Schulen genötigt, die Erlernung des Holländischen und Deutschen zugleich zu berücksichtigen, was für die geistige Entwicklung der Schulkinder von sehr nachteiligen Folgen ist.«

Die Reaktion der klevischen Geistlichkeit auf eine dem staatlichen Wunsche entsprechende bischöfliche Verfügung ist bekannt. Viele Geistliche konnten darauf hinweisen, daß sie sich in ihrem Anstellungsvertrag hatten verpflichten müssen, in Kirche und Schule holländisch zu lehren; nahezu alle machten darauf aufmerksam, daß ihre ländliche oder kleinstädtische Gemeinde kein Hochdeutsch verstehe. Aber alle diese Vorstellungen fruchteten nichts. Seit etwa 1828 wurde in den Schulen und Kirchen unserer Heimat nur noch hochdeutsch gelehrt, mindestens planmäßig. Die Wirklichkeit sah weithin anders aus; es dauerte noch Jahrzehnte, bis sich der Deutschunterricht auch in den letzten ländlichen Volksschulen ganz durchgesetzt hatte. Und es dauerte noch bis ins letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, bis jene Generation weggestorben war, welche noch holländisch lesen und schreiben gelernt hatte.

Nun begreifen wir es auch, daß es noch andere Gründe als bäuerliches Beharrungsvermögen gewesen sind, welche das von Wilhelm Heinrich Riehl noch im Jahre 1867 beobachtete holländische Kolorit unserer Dörfer erklären helfen. Aber das gerade um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts einsetzende Aufreißen einer kulturellen Nahtlinie entlang der preußisch-holländischen Grenze hat dieser kluge Mann mit scharfem Blick beobachtet. Wir zitieren ihn nochmals, der im Jahre 1867 diese Zeilen niederschrieb:“Wir haben bisher in die Vergangenheit geblickt; ein fragender Blick in die Zukunft ist wohl auch erlaubt. Wird sich deutsches und holländisches Volkstum wieder nähern, oder wird es sich immer schärfer scheiden? Wird der Wanderer auf dem Wege nach Holland auch in hundert Jahren noch ganz schrittweise und allmählich zu dem Nachbarvolke übergeleitet werden, ohne daß er recht merkt, wo er die Grenze überschritten hat, oder wird er sich plötzlich auf fremdem Boden finden, wie einer, der über den Splügen nach Italien oder über die Vogesen nach Frankreich geht?«

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